Leseprobe 4

Kurzmitteilung


Nicht allein unterm Sternenhimmel

von Karolina Peli

Nino lernt am Strand einen jungen Mann kennen. In seiner unkomplizierten Art nimmt er ihn zu seiner Familie mit und zeigt ihm ein wenig seine Heimat. Sie kommen sich näher, als Adrien abreist, wissen beide, dass sie sich wiedersehen. Doch schaffen sie es, sich eine gemeinsame Zukunft aufzubauen?

Leseprobe:

Ich liebte es, morgens einer der Ersten am Strand zu sein. Die Schönheit dieses speziellen Strandabschnitts mit den bizarren Felsformationen, deren Besteigung nicht ganz ungefährlich ist, war atemberaubend. Sie waren teilweise ziemlich glitschig, nicht gut zu besteigen. Doch ich schaffte es immer wieder, auf einem der Vorsprünge zu sitzen, auf das Meer zu sehen. Zum Träumen, Nachdenken.

Ich konnte nicht von mir behaupten, dass ich ein Mensch wäre, der seelisch etwas aufzuarbeiten hätte. Meine Wege lagen klar vor mir. Am Wochenende arbeitete ich oft als Barkeeper. Die Arbeitswoche verbrachte ich als Vorarbeiter auf einem Weingut, wo ich auch in einer kleinen Zweizimmerwohnung lebte. Ich besaß einen netten Freundeskreis und eine tolle Familie. Was mir fehlte, war ein liebevoller Partner. Männer gibt es wie Sand am Meer, aber den einen herauszusieben, war nicht einfach. Diese Tatsache belastete mich jedoch nicht. Meine Nächte waren hie und da leidenschaftlich und spannend. Sie trugen mich, machten mich ausgeglichen. Der klitzekleine Rest, der fehlte, würde sich bestimmt auch noch finden.

Gerade dachte ich an den jungen Mann, der vor ein paar Tagen hier ankam. Etwas kleiner als ich, gut gebaut, weder zu dünn noch zu viel auf den Rippen. Mir gefielen außer seiner Statur auch seine hellbraunen, dichten Haare. Neugierig wie ich war, konnte ich es mir nicht verkneifen, in den kleinen Van mit dem Schweizer Kennzeichen zu sehen, der ihm gehören musste. Er stand am Rande eines Pinienhains, direkt am Weg zum Strand. Ein kleiner Koffer stand auf dem Beifahrersitz, ein Notizblock sowie ein Haufen schmutziger Kleidung lag darauf. Landkarten speziell aus dieser Region klebten an der Windschutzscheibe.

In der Hoffnung, ihm zu begegnen, ging ich zum Strand, vielleicht würden sich ein paar hübsche Muschelschalen finden lassen. Ich wollte sie auf dem Tresen der Bar drapieren. 

Heute fand ich keine. Ich zog meine kurzen Shorts aus, mein Shirt über den Kopf, legte beides auf mein mitgebrachtes Handtuch und stürzte mich nackend in die Fluten. Was ich getrost tun konnte, es fanden sich hier nur wenige Touristen ein. Allenfalls kamen ein paar Einheimische vorbei, die störten sich nicht an Nacktbadern. 

Gestern saß ich wieder oben auf den Felsen. Der Unbekannte zog seine Jeans und Hemd aus, und stakste vorsichtig ins Meer. Allein der Anblick seines langen, geraden Rückens, der wunderbar mit seinem kleinen Hintern harmonierte, war eine Augenweide. Störend empfand ich nur die dunkelblauen Badeshorts. Er schwamm nicht weit raus, zeigte sich jedoch als ausdauernder Schwimmer. Der intensivste Augenblick war, als er aus den Fluten stieg. Sonnenstrahlen und Wassertröpfchen machten, dass der noch ein wenig blasse Körper wie ein aus dem Meer geborenes Kunstwerk aussah. Ich hielt den Atem an, genoss das Bild, das sich mir bot. 

Am anderen Morgen kam ich wieder, nachdem ich im Ort ein paar belegte Brötchen und Kaffee besorgte. Ob ich ihm gefiel? Ich wusste, dass auch er mich schon beobachtet hatte, als ich am Strand entlangging. Umständlich kraxelte ich mit meiner Beute auf den Felsen herum und landete schließlich auf einem breiten Felsstück über ihm. Auf dem Bauch liegend robbte ich zur Kante, und beobachtete ihn eine Weile. Er schien nicht gut drauf zu sein. Weinte er? Ja. Sein Handy klingelte. Er zog es, ohne drauf zu sehen, aus seiner Hosentasche und warf es in hohem Bogen von sich. Glücklicherweise konnte ich einschätzen, wo genau es im Sand gelandet war. Vorsichtig zog ich mich zurück, um es zu suchen. Wie gut, dass ich die Felsformationen wie meine Westentasche kannte. Von oben konnte er mich nicht sehen, so bekam er nicht mit, dass ich sein Handy fand und einsteckte. Wieder machte ich mich auf den Weg nach oben. Er saß noch da, zusammengesunken, sein Blick auf den Strand gerichtet, grausam einsam wirkend, dass ich ihn am liebsten an mich gezogen hätte. 

»Wenn du mich suchst, und davon gehe ich aus, ich liege über dir einfach so herum.«

Ich sprach ihn, ohne lange zu überlegen, auf Englisch an. Er musste sich ziemlich erschreckt haben, denn er zuckte heftig zusammen, als ich mich bemerkbar machte. Endlich konnte ich ihn näher betrachten. Große, honigbraune Augen sahen mich höchst verwirrt an. Viele Sommersprossen tanzten hübsch verteilt auf seinem Gesicht. Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Er machte eine Bewegung, als wolle er aufstehen. 

»Nee, lass mal, ich turne zu dir herunter. Hier, nimm mir das bitte ab«, sagte ich und reichte ihm meinen zerschlissenen Rucksack. Indem ich ein wenig umständlich zu ihm kletterte, gab ich ihm Zeit, um sich zu ordnen. Endlich landete ich mit einem eleganten Sprung neben ihm. 

»Ich bin Nino, stamme hier aus dem Ort und lade dich zum Frühstück ein. Belegte Brötchen und heißen Kaffee. Hoffe, du magst das. Wenn nicht, da bin ich ganz pragmatisch, esse ich alles selbst auf.« 

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