Leseprobe 3

Kurzmitteilung


Felice
von Jobst Mahrenholz

Der junge Felice besitzt die Gabe, Dinge zu sehen, die andere nicht einmal erahnen können. Eine Fähigkeit, die vielen zu ihrem Glück verhilft. Doch nicht jeder weiß Felices Magie zu schätzen. Denn nicht jeder ist bereit, für die Liebe seines Lebens.

Leseprobe:

»Ich werde euch heute von Felice und seiner Gabe berichten.« Das sagte ich recht leise, lächelte still, zog mit Genuss an meiner Zigarre und sah in die erwartungsvollen Augenpaare vor mir, drei an der Zahl.

»Felice, der Figaro?«, fragte Enrico erstaunt. Ich nickte bedächtig.

»Welche Gabe sollte Felice schon haben?« Marco schüttelte den Kopf. Sie alle kannten Felice. Viele von ihnen ließen sich bei ihm die Haare schneiden. Netter Kerl, aber eine Gabe? Was sollte das schon sein?

»Eine wundervolle«, antwortete ich auf diese Frage, ließ es geheimnisvoll klingen. »Und seid versichert, einige von euch würde es überhaupt nicht geben, hätte Felice nicht seine großartige Gabe zum Einsatz gebracht.«

»Jetzt spann uns nicht auf die Folter, Carlo«, forderte Suzanna. »Erzähl uns die Geschichte.«

Da lehnte ich mich in meinem Sessel zurück, zog noch einmal genüsslich an der Zigarre, trank einen Schluck Rotwein und begann mich zu erinnern:

~ * ~

Zum allerersten Mal zeigte sich Felices Gabe an einem Mittag im milden Frühsommer.

Da begleitete er seine Mutter Miranda auf den Wochenmarkt, wie er es jeden Mittwoch tat. Felice war da gerade mal fünf Jahre alt. Er liebte dieses Marktgedränge mit Miranda. Da war tanzendes Sonnenlicht, welches durch das lichte Laub der gewaltigen Platanen fiel. Es zauberte Tiere herbei, die auf den Markisen der Stände umhersprangen. Dann das Plätschern des Brunnens. Da entstanden Geschichten von aufregenden Bootsfahrten mit waghalsigen Tauchgängen. Und schließlich die Gerüche von gegrilltem Porchetta, handgeschöpften Seifen und aromatischen Früchten. Sie ließen ihn manchmal sogar um die ganze Welt reisen. 

Felice sprach zwar nicht, doch er besaß Fantasie. Zu viel, beklagte Miranda ab und zu mit einem Seufzen. Dass Felice nicht sprach, hatte nichts damit zu tun, dass er es nicht konnte. Er tat es einfach nicht. Dennoch wusste man instinktiv, was in ihm vorging, denn sein Gesicht war wie ein offenes Buch. Freude, Trauer, Wut oder Erstaunen spiegelten sich darin, als hätte er in jeder Einzelheit über sein Empfinden berichtet.

An diesem Mittwoch nun geschah dieses Außergewöhnliche. Es begann damit, dass Felice plötzlich stehen blieb. Das war an sich nichts Besonderes. Eigenartig daran war, dass jeder in seinem näheren Umfeld genau das registrierte. All die Menschen um Felice herum begriffen, dass sie gerade Zeuge einer verblüffenden Begebenheit werden würden. Es war, als verschwänden mit einem Mal die vertrauten Geräusche des Marktes, so, als konzentriere sich alles auf ihn, den Jungen, der einfach nur stehen geblieben war. Er atmete tief ein, sah zu Enzo, dem Bürstenmacher aus Grosseto, und bat ihn mit einem einfachen Lächeln zu ihm zu kommen.

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