Leseprobe 2

Kurzmitteilung


Von Heldenhelfern und Häuptlingen

von Ashan Delon

Für den sechsjährigen Luis ist sein Papa Wotan der größte Superheld auf Erden, da dieser als Feuerwehrmann Leben rettet. Dem alleinerziehenden Wotan gelingt es dennoch, Beruf, Ehrenamt und Vatersein unter einen Hut zu bringen. Seine Schwester unterstützt ihn so gut es geht, springt bei jedem Einsatz als Babysitter ein. Als sie mit Grippe im Bett liegt, bucht sie kurzerhand Ersatz. So steht Wotan nach einem Einsatz vor einem fremden Mann. Häuptling Mojag …

Leseprobe:

Die Feuerwehrsirene heulte laut kreischend durch die Nacht. Wotan war sofort hellwach und katapultierte sich wie eine Springfeder aus dem Bett. Schon beim ersten heiseren Keuchen der Sirene, die in Form eines überdimensionierten steingrauen Pilzes nur zwei Straßen weiter auf dem Dach der Mittelschule thronte, wusste er bereits, dass seine Nacht zu Ende war. So schnell er konnte, schlüpfte er in die bereitgelegten Klamotten, und noch bevor die Sirene das dritte Mal zu einem durchdringenden Geheul ansetzen konnte, war er vollständig angezogen.

Die Schlafzimmertür ging auf und ein ziemlich verschlafener Sechsjähriger tapste herein. Wotan unterdrückte ein Aufseufzen. Die Sirene weckte mit ihrem Gekreische so ziemlich jeden im Umkreis von drei bis vier Kilometern. Aber nicht nur deswegen war der Kleine auf den Beinen. Er ließ es sich nicht nehmen, seinen Papa regelmäßig dabei zu beobachten, wie er zu seiner Pflichterfüllung eilte. Seit vier Jahren war Wotan nun schon bei der freiwilligen Feuerwehr und rettete verunglückte Autofahrer, pumpte Keller aus oder löschte Brände. Sein Sohn Luis platzte fast vor Stolz, wenn er von seinem Papa erzählte. Und jedes Mal, wenn die Sirene losging, glühten die Bäckchen vor Hochachtung. Es war kaum verwunderlich, dass der Kleine bereits seinen Berufswunsch auserkoren hatte.

»Geh ins Bett!«, rief Wotan ihm zu.

»Rettest du jetzt wieder einen Menschen?«, wollte der Junge wissen, tapste barfuß an Wotan vorbei und setzte sich einfach auf dessen Bett, um ihn mit großen Augen zu beobachten.

Wotan zerrte den Gürtel um seinen Bauch fest und suchte nach Schlüssel und Handy.

»Ich erzähle dir nachher, was geschehen ist. Geh ins Bett!«

»Darf ich hier schlafen?«

»Ja klar.« Wotan lächelte. Er wusste genau, dass sein Sohn nicht im Bett seines Vaters schlafen wollte, weil er Angst verspürte, allein zu sein. Sondern um den Augenblick nicht zu verpassen, wann dieser nach Hause kam, um ihn sofort über die Geschehnisse auszuquetschen. »Ich rufe auf dem Weg Tante Julia an«, informierte er ihn kurz, während er im Augenwinkel mitbekam, wie Luis unter die noch warme Decke schlüpfte.

Luis stöhnte theatralisch. »Ich bin schon groß. Ich kann auch mal ein paar Stunden allein bleiben.«

»Ich weiß«, erwiderte Wotan lächelnd, ging zum Bett, deckte den Jungen liebevoll zu und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. »Aber du weißt, dass es mir lieber ist, wenn du nicht allein bist. Ich weiß nie, wie lange es dauert.«

»Okay«, gab der Kleine schließlich resigniert nach, schlang die Ärmchen kurz um den Hals seines Vaters und drückte ihm einen Schmatzer auf die Wange. »Pass auf dich auf«, riet er besorgt.

»Mach ich doch immer.« Wotan gab ihm noch einen Kuss auf die Stirn, streichelte mit der Fingerkuppe über die Nasenspitze und kicherte, als Luis mit einer süßen Protestmiene die Nase rümpfte. Er liebte den Jungen so abgöttisch, dass er sich jedes Mal nur schwerlich von ihm trennen konnte. Aber wenn die Sirene rief, musste er ausrücken. Das Leid anderer Leute hatte in diesem Moment Vorrang.

Mit einem letzten Seufzen richtete er sich auf und eilte aus dem Haus. Zum Glück erlaubte es sein Brötchenjob als selbstständiger Innenarchitekt, dass er die Arbeitszeiten sehr flexibel planen und sich nach einem nächtlichen Einsatz schlafen legen konnte, anstatt zur Stechuhr eilen zu müssen. Anderenfalls wäre das mit der ehrenamtlichen Tätigkeit bei der freiwilligen Feuerwehr nicht möglich gewesen.

Hastig stöpselte er das Handy in die Freisprechanlage des Autos und wählte die Nummer seiner Schwester, während er aus der Einfahrt herauslenkte.

»Hab’s schon gehört«, kam es ihm sogleich entgegen. Doch Julias Stimme klang alles andere als munter.

»Luis liegt in meinem Bett. Kannst du nachher mal rübergehen und nach ihm sehen?«

Ein Hustenanfall drang aus den Lautsprechern, die an der Sonnenblende angebracht waren.

»Oh weh!«, stieß Wotan mit bangem Gefühl aus. »Hat es dich jetzt doch erwischt?«

»Voll«, stöhnte Julia unter Husten und schmerzvollem Stöhnen. »Ich kann mich kaum auf den Beinen halten.«

»Ich dachte, nur die Männergrippe sei tödlich.«

»Ha ha!«, kam es zurück. »Ich schicke nachher Andi rüber.«

Wotan knurrte. Andi war Julias derzeitiger Freund und ein Kotzbrocken sondergleichen. Er fragte sich stets aufs Neue, was seine Schwester an diesem homophoben Macho fand. Er wollte den Kerl nicht in seinem Haus haben und hatte ihm auch schon beim ersten heftigen Aufeinandertreffen jeglichen weiteren Zutritt verboten. »Luis kann Andreas nicht ausstehen. Und ich auch nicht. Gibt es keine andere Möglichkeit?« Wotan überlegte kurz, an der roten Ampel stehen zu bleiben. Aber da er im Einsatz war und es um jede Sekunde ging, überfuhr er die Kreuzung einfach. Es war drei Uhr morgens und die Straße menschenleer. Rasch schob er das schlechte Gewissen beiseite. Die Straßenverkehrsordnung lag ihm am Herzen, aber wenn es um Menschenleben ging, hebelte er sie kurzerhand aus.

»Ich rufe den Babysitterdienst an«, kam es schließlich. »Tu du deine Pflicht. Ich kümmere mich schon um die meine.«

»Julia!«, rief Wotan entnervt.

»Ich bin seine Patentante und erachte es daher als meine Pflicht, für sein Wohl mit zu sorgen.« Erneut bellte ihm ein Hustenanfall entgegen. »Ich mach das schon.«

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