Leseprobe 8

Kurzmitteilung


Ein Held mit Startschwierigkeiten

von Sandra Black

Eigentlich wollte Sam nur ein ruhiges Leben mit einem muskulösen Kerl an seiner Seite verbringen. Als die plötzlichen Veränderungen eintreten und ein sexy Polizist ihm auf den Fersen ist, steht Sam’s Leben mit einem Mal Kopf.

Leseprobe:

Wieso, wieso, wieso. Das konnte ja wohl nicht wahr sein. Sam konnte es einfach nicht glauben, während er in einer Gasse an einer Wand lehnte. Schwer atmete er ein und aus und versuchte seine Atmung zu normalisieren.

Bis vor wenigen Minuten war doch noch alles in Ordnung gewesen und dann passierte so etwas. Sam kniff die Augen zusammen und versuchte sich zu konzentrieren, sich zu beruhigen. Das war garantiert alles nur ein böser Traum. Etwas anderes war schier unmöglich. Ja genau. Er würde jeden Moment daheim in seinem Bett aufwachen und über sich, an die Decke mit diversen Postern starren. Zum Großteil mit Männern, die gewisse Muskeln an den richtigen Stellen hatten.

Verzweifelt schlug er seinen Kopf hinter sich an die harte und schmutzige Wand, nur dass er keinen Schmerz verspürte.

Das war nur ein Traum.

Der Tag hatte so gut und vielversprechend angefangen. Ein Date in der Stadt und der Kerl sah nicht mal schlecht aus, auch wenn die Muskeln zu wünschen übrig ließen. Aber man konnte ja eben nicht alles haben. Sie waren gemeinsam durch den Park gelaufen und hatten sich ein Eis besorgt, an dem sie schleckend, weitergingen. Ihre Gespräche verliefen etwas stockend, aber schliefen wenigstens nicht ein und dann …?

Dann waren sie in der City angekommen. Rechts der Weg zum Bahnhof und links zur Innenstadt, vorbei an einem Juwelier. Genau diesen Weg schlugen sie ein.

Gerade wollte Sam nach der Hand von seinem Date greifen, um sich ihm etwas näher zu fühlen, als sich plötzlich alles überschlug. Polizeisirenen und das Schrillen einer Alarmanlage aus dem Juwelierladen ertönten. Gerade liefen sie an eben diesem Geschäft vorbei, als einige dunkle Gestalten herausgerannt kamen und Sam samt Date über den Haufen rannten.

»Hey«, brüllte Sam, verlor aber zeitgleich das Gleichgewicht, versuchte noch nach einer der Gestalten zu greifen. Eher aus Reflex als aus bürgerlicher Hilfsbereitschaft. Die Knarre hatte er nämlich in dem Moment nicht gesehen und eben diese richtete sich auf ihn und drückte ab. Der Knall klang in Sams Ohren unnatürlich laut, während sich seine Augen weiteten.

Er war so gut wie tot. Das konnte er unmöglich überleben. Sam sah sein Leben noch mal vor sich ablaufen, als er einen unangenehmen Druck an der Brust, an der Stelle direkt über seinem Herzen spürte. Fühlte es sich so an, wenn man erschossen wurde? Er hatte es sich eindeutig schmerzhafter vorgestellt, auch wenn ihm die Angst gerade den Verstand raubte.

»Sam? Sam, ist alles in Ordnung mit dir? Mensch, jetzt sag doch was?«, forderte ihn eine laute Stimme auf. Er wurde hart an der Schulter gerüttelt. Ging man so mit einem Toten um? Also echt mal.

Zögernd öffnete Sam blinzelnd die Augen und erkannte über sich sein Date, von dem er irgendwie den Namen vergessen hatte. Das kam sicher nicht so gut. Aber wenn das dort wirklich sein Date war, konnte er noch am Leben sein?

Etwas aufmerksamer lauschte Sam auf die Umgebung. Er vernahm neben der Polizeisirene noch lautes Geschrei und Anweisungen, die gerufen wurden. Dazu kam noch das Getuschel der umstehenden Menge. Gaffer, wie sie im Volksmund genannt wurden.

»Wie geht es ihm? Ein Krankenwagen wird gleich da sein«, fragte eine weitere, Sam völlig unbekannte, aber durchaus ansprechende Stimme. Sam drehte schwerfällig den Kopf und erblickte den Mann seiner Träume. Er musste träumen. Da stand er, der Mann, den er sich immer in seinem Bett gewünscht hatte. Blondes Haar, ernste – besorgt wirkende blaue Augen und ein muskulöser Körper, der in einer Polizeiuniform steckte.

»Oh, gut«, entkam es dem Date nicht sehr intelligent.

»Halten Sie Ihren Freund bei Bewusstsein«, wies der Polizist das Date an, der sofort die Hände hob.

»Wir kennen uns kaum und ich muss auch langsam los«, erwiderte das Date und wurde streng angesehen.

Sam verstand den ganzen Aufstand nicht ganz. Gut. Er wurde angeschossen, aber er hatte keine Schmerzen, oder lag das an dem Schock? Vorsichtig bewegte er seine Hand zu der getroffenen Stelle. Müsste es jetzt nicht eigentlich schmerzen? Es tat tatsächlich weh, aber nicht so, wie er es sich vorstellte.

»Ich muss wirklich los«, vernahm er des Dates Worte, während Sam seinen Kopf hob und an sich runtersah. Er tastete sich etwas mehr ab. Es war eindeutig auszuhalten, weswegen er sein Oberteil ein wenig lüftete. Anstatt einer blutigen Wunde sah er nur einen großen blauen Fleck. Als habe er sich kräftig irgendwo gestoßen. Sein Blick wanderte zu dem Polizisten, der mit seinem Date darüber diskutierte, dass man eine angeschossene Person, die man kannte, nicht einfach liegen lassen konnte.

Es berührte Sams Herz, dass sich der blonde Polizist so für ihn einsetzte, aber er hatte das ungute Gefühl, dass Fragen aufkämen, wenn er nicht so erschossen war, wie es zu sein hätte. Kurz schielte er zur Seite.

Die Meute gaffte mehr zu den Räubern, die gerade festgenommen wurden, als zu ihm. Die perfekte Gelegenheit. Mit stark klopfendem Herzen drehte sich Sam um und robbte auf den Knien zur nahen Hausecke. Er musste da nur herum und dann war er aus den Augen und aus dem Sinn.

Leseprobe 7

Kurzmitteilung


Neun Leben

von Chris P. Rolls

Alisters Leben könnte kaum besser verlaufen. Frisch verliebt macht er sich einen schönen Abend mit seiner Flamme Juri. Doch innerhalb von Sekunden verändert sich alles. Woher kommt der graue Kater … und eigentlich hatte Alister das Zeitliche gesegnet, oder nicht?

Leseprobe:

Murrend bewegte sich Alister. Kälte kroch über den Nacken, der Rücken schmerzte, Fuß- und Handgelenke fühlten sich irgendwie seltsam steif an. Unwillig tastete er nach seiner Bettdecke, denn ihm war wirklich kalt. Hatte er sie runtergestrampelt? Widerwillig öffnete er die Augen, blinzelte in das viel zu helle Licht und tastete fahrig über seinen Körper. Wieso war er überhaupt nackt? Normalerweise zog er doch zumindest eine Schlafhose über. Und warum war es so verdammt hell? So spät konnte es doch noch gar nicht sein. Verdammt, seit wann waren seine Augen denn so empfindlich? Und wieso hatte er das Gefühl, nicht recht in seinem Körper zu sein?

Irritiert schüttelte Alister den Kopf, versuchte die Benommenheit loszuwerden und richtete sich behutsam auf. Nein, Kopfschmerzen hatte er keine, auch wenn er sich reichlich verkatert fühlte.

Nanu? Er lag ja auf seiner Bettdecke, war gar nicht darunter gekrabbelt. Und ganz am Ende seines Bettes. Verblüfft richtete er sich ganz auf. Wo waren seine Klamotten? Shit, hatte er sich doch zu viel Alkohol zugemutet? Was war eigentlich gestern los gewesen? Hatte er einen Club besucht?

Die kleine Uhr neben dem Bett behauptete, es wäre 7 Uhr am Sonntagmorgen. Hatte er gestern nicht nach Hamburg gewollt? Da war doch irgendwas gewesen. Wieso fiel es ihm nur so schwer, sich zu erinnern?

Verwirrt schaute er sich nach seinem Handy um. Das legte er doch immer auf den Nachttisch. Nein, da war es nicht, er musste wirklich reichlich neben sich gewesen sein. Mit einem leisen Ächzen streckte er sich, fühlte sich, als ob er Muskelkater in Muskeln hätte, von deren Existenz er nicht einmal etwas geahnt hatte. Was zur Hölle hatte er denn getrieben?

Ein schrilles Klingeln riss ihn aus den Gedanken, und er brauchte einen Moment, um das überlaute Geräusch als seine ganz normale Türglocke zu identifizieren.

Rasch schnappte er sich den Bademantel vom Türhaken, als er am Badezimmer vorbeieilte, und zog ihn sich an, während er zur vorderen Tür ging. Wer wollte denn um diese Uhrzeit etwas von ihm?

Die Tür knirschte zu laut, als er sie öffnete und den jungen Mann musterte, der ihn mit offenem Mund und mit von Überraschung zu Erleichterung wechselndem Gesichtsausdruck anstarrte.

»Scheiße Mann, du bist okay! Ich bin fast verrückt geworden, ich dachte, die hätten dich erschossen und dann warst du einfach weg. Verdammt, die Polizei hat mir kein einziges Wort geglaubt, die dachten, ich bin auf Dope. Keine Leiche zu finden, und die Typen waren natürlich auch schon weg«, sprudelte er hervor, machte einen Schritt auf Alister zu, als ob er ihn umarmen wollte, und stoppte mit irritiertem Ausdruck ab.

»Was? Was ist los?« Alister hatte das vage Gefühl, den Mann zu kennen, konnte sich auf den Rest indes keinen Reim machen. Erschossen? Wieso hatte er einen dumpfen Knall in Erinnerung?

»Bist du wirklich okay? Wo warst du denn?« Der junge Mann mit den kurzen schwarzbraunen Haaren und wunderschönen, braungrünen Augen trat einen Schritt auf ihn zu, hob die Hand zögernd, als ob er ihn berühren wollte, und plötzlich wusste Alister auch seinen Namen: »Juri?«

Der Geruch von frischem Holz, raue Bartstoppeln, ein charmantes Lächeln. Wein, der über seine Lippen perlte, das Gefühl eines … Kusses. Instinktiv berührte Alister seine Lippen.

»Ja klar, ich bin es. Was ist mit dir los? Amnesie? Mensch, Ali, ich bin fast gestorben vor Angst. Ich habe nur die Schüsse gehört und bin zurückgerannt und … Du erinnerst dich doch wirklich an mich?« Das Letzte klang so ängstlich, dass Alister ihn eindringlicher musterte. Juri … Oh ja, er erinnerte sich an einen Kuss, an einen reichlich leidenschaftlichen dazu. An gemeinsames Lachen, ein gutes Essen, eine Hand, die ihm über die Wange gestrichen war. Kalte Steine im Rücken. Sein Lachen, das Blitzen der Augen.

»Ja, ich …«, begann Alister, schüttelte den Kopf, als ob die Erinnerungen dadurch endlich wieder an ihren Platz geschüttelt werden könnten. Verdammt, er kannte diesen heißen Typ todsicher näher. »Ich weiß nicht. Ich kenne dich. Wir …« Sie waren nicht zum ersten Mal zusammen unterwegs gewesen. GayRomeo? Hatten sie sich nicht einige Mails geschrieben, ehe sie sich das erste Mal getroffen hatten? Da war so ein Kribbeln im Bauch. Und letzte Nacht …

»Jurek. Juri. Wir sind in den letzten Wochen ein paar Mal aus gewesen. Bei dem kleinen Griechen am Marktplatz? Du magst absolut kein Baklava. Dann der Poolclub? Erinnerst du dich, was geschehen ist, als wir zu dir wollten?« Noch immer wirkte Juri sehr besorgt.

Leseprobe 6

Kurzmitteilung


Eine Katze und jede Menge Helden

von Cat T. Mad

Supermarktmitarbeiter Justus schwärmt heimlich für einen Feuerwehrmann der nahe gelegenen Wache. Die beiden lernen sich rascher kennen, als Justus es für möglich hält. Nur die Umstände sind in seinen Augen nicht … ganz so optimal.

Leseprobe:

Während ich den Pizzakarton über den Scanner ziehe, schaue ich so unauffällig wie möglich zur Tür. Anschließend auf meine Armbanduhr. Jetzt dürfte es nicht mehr lange dauern.

»Das macht 7 Euro 95«, lasse ich den Kunden wissen.

Nachdem ich abkassiert habe, gucke ich dem älteren Herrn beim Verlassen des Ladens nach. Mein Herz stolpert, dann beginnt es zu rasen. Da kommt er. Heute hat er wieder seine zwei Kollegen im Schlepptau. Die begleiten ihn fast immer, wenn er herkommt. Wahrscheinlich kaufen sie für die ganze Wache ein. Normalerweise gehöre ich ja tatsächlich zu der Sorte Mann, für die innere Werte Priorität haben, aber der Typ ist wirklich eine wahr gewordene Fantasie. Das T-Shirt der Feuerwehr schmiegt sich an seine breite Brust und die muskulösen Arme.

Ein Räuspern reißt mich aus dem Schmachten. Ertappt sehe ich hoch. Vor mir steht meine Kollegin Erika, die mich frech angrinst. »Fehlt nicht viel und du sabberst, Justus.«

»Pfffft. Das bildest du dir ein.«

Erika lacht und schüttelt den Kopf. Dabei schwingt ihr dunkler Pferdeschwanz von links nach rechts.

»Hallo«, begrüßt uns die Dreiertruppe, als sie mit einem Wagen am Kassenbereich vorbeikommt.

»Hallo«, grüßt Erika lächelnd zurück. Ich schaffe nur ein Nicken. Wie immer. Ich bin nicht auf den Mund gefallen und auch nicht schüchtern, doch sobald der Kerl den Supermarkt betritt, ist mein Sprachzentrum lahmgelegt. Außerdem leide ich dann unter einem Spontanausfall meines Hirns. Es verbrennt und ich wünschte mir Mister-Heiß-und-von-der-Feuerwehr würde es löschen. Nicht unbedingt mit Wasser, aber …

»Atmen, Justus. Atmen.«

Ich hole tatsächlich tief Luft und schaue zu Erika. Ihr steht deutlich ins Gesicht geschrieben, dass sie kurz vor einem Lachanfall ist. Sie grinst von einem Ohr zum anderen und die sonst kleinen Fältchen um die Augen wirken schlagartig wie der Marianengraben.

Panisch gucke ich mich um, ob jemand was von meiner Reaktion und ihrem Hinweis mitbekommen hat, doch weit und breit ist niemand zu sehen. Es genügt schon, dass ich gleich beim Abkassieren rote Wangen bekomme und trotz meiner fast dreißig wie ein pubertierender Teenager reagieren werde.

»So, ich geh mal die Regale auffüllen«, seufzt Erika. »Vielleicht solltest du ihn einfach ansprechen?« Sie zwinkert mir zu und verschwindet in Richtung des Lagers.

Nun bin ich es, der seufzt. Was soll ich ihm denn sagen? Das hier ist schließlich kein Club, in dem man locker ins Gespräch kommen könnte, sondern ein Supermarkt. Außerdem funktioniert mein Gaydar bei ihm nicht. Normalerweise reicht ein Blick in die Augen meines Gegenübers und entweder fängt mein Bauch an zu kribbeln … oder eben nicht. Bei ihm ist es anders. Ich habe, seit er das erste Mal den Laden betreten hat, eine Horde winziger Kängurus im Bauch, die früher mal die Hauptrolle in Riverdance gehabt haben müssen. Sie steppen. Eindeutig.

Klar gibt es immer mal wieder Kerle, die klasse aussehen, aber der hat mich von den Socken gehauen. Das ist mir noch nie passiert.

Lachen schwappt in den Kassenbereich. Es ist die Dreiergruppe, die sich gerade über etwas amüsiert. Ein böses kleines Teufelchen flüstert mir, dass sie sich womöglich über mich unterhalten und darüber, wie dämlich ich mich immer benehme, wenn sie hier sind. Ich schnaufe genervt. Die Tanzgruppe in meinem Magen hat nämlich auch mein Selbstbewusstsein plattgemacht, als er vor vier Wochen das erste Mal hier reingekommen ist. Wenn so ein Adonis an einem vorbeiläuft, kann man sich schon mal minderwertig fühlen.

Ich höre deutlich, dass die Gruppe sich der Kasse nähert. Sekunden später kommen sie mit einem prall gefüllten Einkaufswagen um die Ecke. Obwohl auch seine beiden Kollegen ganz passabel sind, sticht er mit seinen schwarzen kurzen Haaren und den giftgrünen Augen absolut hervor. Von seiner Größe mal abgesehen. Das sind locker 1,95 Meter.

Sie fangen an die Ware auf das Band zu legen und ich konzentriere mich auf ihren Einkauf, um nicht in schmachtendes Starren zu verfallen. Die drei unterhalten sich, aber mein leerer Verstand nimmt es nur unterschwellig wahr. Was ich jedoch sofort registriere, ist, wie das Objekt meiner Begierde an mir vorbeigeht und beginnt die bereits eingescannte Ware in Taschen zu verstauen. Dabei beugt er sich immer wieder leicht nach vorne. Ein angenehm riechendes Aftershave wabert zu mir herüber und vernebelt meine Sinne noch mehr. Mein Herz legt noch einen Gang zu, während verräterische Hitze meinen Hals hinaufkriecht. Es wird nicht lange dauern, dann erreicht sie die Wangen und Ohren. Die Scham darüber beschleunigt das Ganze und ich sehne mich nach einem Loch im Boden.

Leseprobe 5

Kurzmitteilung


Fluch oder Segen?

von Kataro Nuel

Demir hat eine Besonderheit mit in die Wiege gelegt bekommen, derer er sich allerdings erst als Erwachsener bewusst wird. Wegen ihr ist er in Lebensgefahr und muss Hals über Kopf Familie und Freunde verlassen. In Österreich findet er eine neue Bleibe und einen neuen Anfang. Aber auch der Ort, den er gewählt hat, hat etwas Besonderes.

Leseprobe:

Ungeduldig ging Demir in dem engen, dunklen Kellerabteil, wo er sich die letzten Stunden versteckt hatte, hin und her. Schließlich blieb er stehen und reckte seinen Arm zu dem kleinen vergitterten Fenster empor. Im spärlichen Mondlicht begutachtete er seine Haut. Nichts war von den Verbrennungen, die er sich beim Feuer in seiner WG zugezogen hatte, zu sehen. Im Grunde müsste er tot sein. Genau wie der Typ, der das Ganze verschuldet hatte. Zum Glück konnte er Sascha, seinen Mitbewohner, noch rechtzeitig aus den Flammen retten. Noch immer konnte er nicht glauben, dass ein Fremder ihn ermorden wollte. Jedoch gab es keinen Zweifel daran, denn die letzten Worte des Mörders waren: »Im Namen von Vescona! Du bist der Letzte und musst vernichtet werden.«

Wie konnte nach einem unbeschwerten Abend mit seiner Familie nur so etwas Entsetzliches geschehen? Sein Vater hatte ihm angeboten, ihn nach Hause zu fahren. Erleichtert, dass er sich das Geld für ein Taxi sparen konnte, nahm er das Angebot daher gerne an. Beim Betreten der Wohnung beschlich ihn ein eigenartiges Gefühl. Es war dunkel, alles war still. Was Demir jedoch nicht wunderte, da er wusste, dass Sascha in seinen Lieblingsclub gehen wollte. Er schaltete das Licht ein. Sein Herz blieb fast stehen. Hinten im Gang lag Sascha nackt auf dem Boden und rührte sich nicht. Schnell lief Demir zu ihm. Erleichtert stellte er fest, dass dieser noch atmete. Er wollte sich gerade erheben, da bemerkte er aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Zu langsam, um zu reagieren, spürte er einen heftigen Schlag und sofort wurde es schwarz um ihn. Doch wie jede Verletzung heilte auch diese innerhalb kürzester Zeit.

Demir kam schneller wieder zu sich, als sein Angreifer damit rechnete. Als er die Augen aufschlug, registrierte er, dass er auf seinem Bett lag. Der Typ beugte sich über ihn und war dabei, ihn zu entkleiden. Es war dunkel im Raum, nur einige brennende Kerzen spendeten Licht. Noch jetzt entsetzte es ihn, wenn er daran dachte, dass dieser Typ nicht nur seinen Tod wollte, sondern auch Saschas in Kauf nahm.

Sobald der Kerl bemerkte, dass Demir wach war, richtete er sich auf und grinste auf ihn herab. Deutete auf Sascha, der neben ihm lag, und auf die Kerzen. Die musste er schon vorher angezündet haben. »Es wird wie ein Unfall aussehen. Du und dein Liebhaber seid nach dem Sex eingeschlafen. Eine Kerze hat diesen schrecklichen Brand verursacht, bei dem ihr beide umgekommen seid.«

Danach ging alles schnell. Er hob die Hand zum Wurf und rief: »Im Namen Vesconas.«

Demir reagierte blitzschnell, indem er seinen Fuß hob und dem Kerl einen kräftigen Stoß gab. Er hörte, wie sein Gegner erschrocken aufschrie, und sah ihn nach hinten taumeln, straucheln und fallen. Ein dumpfer Aufschlag und Stille trat ein. Die Kerze flog nach hinten und entzündete ein Feuer, das sich rasch ausbreitete.

Demir stand eilends auf und versuchte das Feuer zu löschen. Er gab auf, als er die Sinnlosigkeit seines Tuns bemerkte. Er ging zu Sascha, um nach ihm zu sehen. Nur kurz versuchte er ihn, durch Rütteln und einigen Schlägen auf die Wange, wach zu bekommen. Musste aber schnell einsehen, dass das hoffnungslos war. Um ihn zu tragen, war sein Mitbewohner viel zu schwer. Daher griff er nach der Decke, auf der Sascha lag, wickelte ihn so gut es ging darin ein und zog ihn samt Decke vom Bett. Demir zuckte zusammen, als er hörte, wie Saschas Kopf auf den Boden knallte, konnte es leider nicht verhindern.

Mann, war der Kerl schwer. Demir fiel es nicht leicht, ihn aus dem Zimmer in den Flur zu ziehen. Das plötzliche Klingeln an der Wohnungstür ließ ihn erschrocken innehalten. Wer konnte das um diese Uhrzeit sein? Ein Komplize seines Angreifers? Demir blieb nichts anderes übrig, als zu öffnen. Er griff nach dem erstbesten Gegenstand und riss die Tür mit Schwung auf, bereit auf einen neuen Gegner einzuschlagen.

»He, Demir, ich hab …«

»Oh, Dad, du bist es! Komm und hilf mir!« Er ließ den Gegenstand in seiner Hand fallen, packte seinen Vater am Arm und zog ihn mit zu Sascha. Währenddessen erzählte er eilig seinem Vater, was sich in den letzten Minuten abgespielt und was sein Angreifer gesagt hatte. Sobald sie Sascha in sicherer Umgebung abgelegt hatten, stürmten beide erneut in die brennende Wohnung.

Demir kniete sich zu dem Verbrecher und bemerkte, dass er aus offenen, aber toten Augen angestarrt wurde. Entsetzt sah er zu seinem Vater hoch: »Ich habe ihn umgebracht!«

»Junge, wir reden später darüber, jetzt ist keine Zeit, vor allem nicht für Vorwürfe. Mach schnell, was ich dir sage: Zieh dir was über und gib mir dann deine Brieftasche und die Schlüssel. Ach ja, deinen Ring brauch ich auch noch. Wir müssen all seine privaten Gegenstände entfernen und durch deine ersetzen. Beeil dich. Wenn sie dich für tot halten, lassen sie dich vielleicht in Ruhe.«

Jetzt verstand Demir den Sinn des Ganzen. Schnell schlüpfte er in die Kleidung, die der Kerl ihm ausgezogen hatte, und holte das Gewünschte hervor.

»Lass mich das machen«, forderte er seinen Vater auf. »Bring du die anderen Leute im Haus in Sicherheit und ruf die Feuerwehr.«

Sein Vater nickte. »Ich konnte nichts Persönliches bei ihm finden.« Bevor er jedoch den Raum verließ, drückte er Demir einen Schlüssel in die Hand. »Verstecke dich im Keller der alten Fabrik, da, wo ich den Auftrag habe Bilder zu machen. Dort bist du vorerst in Sicherheit.«

Er erhob sich und verschwand nach draußen.

Demir bekam kaum noch Luft. Die Hitze war bereits unerträglich. Daher steckte er schnell seinen Besitz in die Jackentasche des Kerls. Nur widerwillig zog er sich den Siegelring, der schon seit Generationen in Familienbesitz war, vom Finger, um ihn seinem Angreifer überzustreifen.

Da das Feuer sie bereits erreicht hatte und an der Kleidung des leblosen Körpers zu züngeln begann, zog er sich an Händen und Unterarmen starke Verbrennungen zu. Demir wusste, er musste hier raus, bevor er durch den Rauch das Bewusstsein verlieren würde. Taumelnd ging er durch den Flur, griff dort schnell noch ein Paar Schuhe, ging weiter ins Bad und stieg dort aus dem Fenster, um schließlich hier in diesem dunklen Keller zu landen.

Er hatte den Geschichten seiner Großeltern nie geglaubt, als sie ihm von seinem Ururgroßvater berichteten, der angeblich, wie er, sich selbst heilen konnte. Sicher, er hatte nie irgendwelche Verletzungen gehabt, aber das hatte er einfach darauf zurückgeführt, dass er immer vorsichtig gewesen war und einen guten Heilungsprozess hatte. Aber was er in den letzten Tagen mit eigenen Augen gesehen hatte, konnte er nicht mehr verleugnen. Sobald er aus diesem Badezimmerfenster gestiegen war und die frische Luft durch seine Lungen strömte, war der Hustenreiz sofort weg. Wie durch Zauberhand lösten sich seine schmerzhaften Blasen auf und neue, narbenfreie Haut kam zum Vorschein.

Noch einmal betrachtete er im Mondlicht seine intakten Arme, bevor er zu seiner Schlafstelle ging.

Er ließ sich auf dem alten Notbett an der Wand, auf dem ein muffiges Kissen und eine Decke lagen, nieder.

Leseprobe 4

Kurzmitteilung


Nicht allein unterm Sternenhimmel

von Karolina Peli

Nino lernt am Strand einen jungen Mann kennen. In seiner unkomplizierten Art nimmt er ihn zu seiner Familie mit und zeigt ihm ein wenig seine Heimat. Sie kommen sich näher, als Adrien abreist, wissen beide, dass sie sich wiedersehen. Doch schaffen sie es, sich eine gemeinsame Zukunft aufzubauen?

Leseprobe:

Ich liebte es, morgens einer der Ersten am Strand zu sein. Die Schönheit dieses speziellen Strandabschnitts mit den bizarren Felsformationen, deren Besteigung nicht ganz ungefährlich ist, war atemberaubend. Sie waren teilweise ziemlich glitschig, nicht gut zu besteigen. Doch ich schaffte es immer wieder, auf einem der Vorsprünge zu sitzen, auf das Meer zu sehen. Zum Träumen, Nachdenken.

Ich konnte nicht von mir behaupten, dass ich ein Mensch wäre, der seelisch etwas aufzuarbeiten hätte. Meine Wege lagen klar vor mir. Am Wochenende arbeitete ich oft als Barkeeper. Die Arbeitswoche verbrachte ich als Vorarbeiter auf einem Weingut, wo ich auch in einer kleinen Zweizimmerwohnung lebte. Ich besaß einen netten Freundeskreis und eine tolle Familie. Was mir fehlte, war ein liebevoller Partner. Männer gibt es wie Sand am Meer, aber den einen herauszusieben, war nicht einfach. Diese Tatsache belastete mich jedoch nicht. Meine Nächte waren hie und da leidenschaftlich und spannend. Sie trugen mich, machten mich ausgeglichen. Der klitzekleine Rest, der fehlte, würde sich bestimmt auch noch finden.

Gerade dachte ich an den jungen Mann, der vor ein paar Tagen hier ankam. Etwas kleiner als ich, gut gebaut, weder zu dünn noch zu viel auf den Rippen. Mir gefielen außer seiner Statur auch seine hellbraunen, dichten Haare. Neugierig wie ich war, konnte ich es mir nicht verkneifen, in den kleinen Van mit dem Schweizer Kennzeichen zu sehen, der ihm gehören musste. Er stand am Rande eines Pinienhains, direkt am Weg zum Strand. Ein kleiner Koffer stand auf dem Beifahrersitz, ein Notizblock sowie ein Haufen schmutziger Kleidung lag darauf. Landkarten speziell aus dieser Region klebten an der Windschutzscheibe.

In der Hoffnung, ihm zu begegnen, ging ich zum Strand, vielleicht würden sich ein paar hübsche Muschelschalen finden lassen. Ich wollte sie auf dem Tresen der Bar drapieren. 

Heute fand ich keine. Ich zog meine kurzen Shorts aus, mein Shirt über den Kopf, legte beides auf mein mitgebrachtes Handtuch und stürzte mich nackend in die Fluten. Was ich getrost tun konnte, es fanden sich hier nur wenige Touristen ein. Allenfalls kamen ein paar Einheimische vorbei, die störten sich nicht an Nacktbadern. 

Gestern saß ich wieder oben auf den Felsen. Der Unbekannte zog seine Jeans und Hemd aus, und stakste vorsichtig ins Meer. Allein der Anblick seines langen, geraden Rückens, der wunderbar mit seinem kleinen Hintern harmonierte, war eine Augenweide. Störend empfand ich nur die dunkelblauen Badeshorts. Er schwamm nicht weit raus, zeigte sich jedoch als ausdauernder Schwimmer. Der intensivste Augenblick war, als er aus den Fluten stieg. Sonnenstrahlen und Wassertröpfchen machten, dass der noch ein wenig blasse Körper wie ein aus dem Meer geborenes Kunstwerk aussah. Ich hielt den Atem an, genoss das Bild, das sich mir bot. 

Am anderen Morgen kam ich wieder, nachdem ich im Ort ein paar belegte Brötchen und Kaffee besorgte. Ob ich ihm gefiel? Ich wusste, dass auch er mich schon beobachtet hatte, als ich am Strand entlangging. Umständlich kraxelte ich mit meiner Beute auf den Felsen herum und landete schließlich auf einem breiten Felsstück über ihm. Auf dem Bauch liegend robbte ich zur Kante, und beobachtete ihn eine Weile. Er schien nicht gut drauf zu sein. Weinte er? Ja. Sein Handy klingelte. Er zog es, ohne drauf zu sehen, aus seiner Hosentasche und warf es in hohem Bogen von sich. Glücklicherweise konnte ich einschätzen, wo genau es im Sand gelandet war. Vorsichtig zog ich mich zurück, um es zu suchen. Wie gut, dass ich die Felsformationen wie meine Westentasche kannte. Von oben konnte er mich nicht sehen, so bekam er nicht mit, dass ich sein Handy fand und einsteckte. Wieder machte ich mich auf den Weg nach oben. Er saß noch da, zusammengesunken, sein Blick auf den Strand gerichtet, grausam einsam wirkend, dass ich ihn am liebsten an mich gezogen hätte. 

»Wenn du mich suchst, und davon gehe ich aus, ich liege über dir einfach so herum.«

Ich sprach ihn, ohne lange zu überlegen, auf Englisch an. Er musste sich ziemlich erschreckt haben, denn er zuckte heftig zusammen, als ich mich bemerkbar machte. Endlich konnte ich ihn näher betrachten. Große, honigbraune Augen sahen mich höchst verwirrt an. Viele Sommersprossen tanzten hübsch verteilt auf seinem Gesicht. Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Er machte eine Bewegung, als wolle er aufstehen. 

»Nee, lass mal, ich turne zu dir herunter. Hier, nimm mir das bitte ab«, sagte ich und reichte ihm meinen zerschlissenen Rucksack. Indem ich ein wenig umständlich zu ihm kletterte, gab ich ihm Zeit, um sich zu ordnen. Endlich landete ich mit einem eleganten Sprung neben ihm. 

»Ich bin Nino, stamme hier aus dem Ort und lade dich zum Frühstück ein. Belegte Brötchen und heißen Kaffee. Hoffe, du magst das. Wenn nicht, da bin ich ganz pragmatisch, esse ich alles selbst auf.« 

Leseprobe 3

Kurzmitteilung


Felice
von Jobst Mahrenholz

Der junge Felice besitzt die Gabe, Dinge zu sehen, die andere nicht einmal erahnen können. Eine Fähigkeit, die vielen zu ihrem Glück verhilft. Doch nicht jeder weiß Felices Magie zu schätzen. Denn nicht jeder ist bereit, für die Liebe seines Lebens.

Leseprobe:

»Ich werde euch heute von Felice und seiner Gabe berichten.« Das sagte ich recht leise, lächelte still, zog mit Genuss an meiner Zigarre und sah in die erwartungsvollen Augenpaare vor mir, drei an der Zahl.

»Felice, der Figaro?«, fragte Enrico erstaunt. Ich nickte bedächtig.

»Welche Gabe sollte Felice schon haben?« Marco schüttelte den Kopf. Sie alle kannten Felice. Viele von ihnen ließen sich bei ihm die Haare schneiden. Netter Kerl, aber eine Gabe? Was sollte das schon sein?

»Eine wundervolle«, antwortete ich auf diese Frage, ließ es geheimnisvoll klingen. »Und seid versichert, einige von euch würde es überhaupt nicht geben, hätte Felice nicht seine großartige Gabe zum Einsatz gebracht.«

»Jetzt spann uns nicht auf die Folter, Carlo«, forderte Suzanna. »Erzähl uns die Geschichte.«

Da lehnte ich mich in meinem Sessel zurück, zog noch einmal genüsslich an der Zigarre, trank einen Schluck Rotwein und begann mich zu erinnern:

~ * ~

Zum allerersten Mal zeigte sich Felices Gabe an einem Mittag im milden Frühsommer.

Da begleitete er seine Mutter Miranda auf den Wochenmarkt, wie er es jeden Mittwoch tat. Felice war da gerade mal fünf Jahre alt. Er liebte dieses Marktgedränge mit Miranda. Da war tanzendes Sonnenlicht, welches durch das lichte Laub der gewaltigen Platanen fiel. Es zauberte Tiere herbei, die auf den Markisen der Stände umhersprangen. Dann das Plätschern des Brunnens. Da entstanden Geschichten von aufregenden Bootsfahrten mit waghalsigen Tauchgängen. Und schließlich die Gerüche von gegrilltem Porchetta, handgeschöpften Seifen und aromatischen Früchten. Sie ließen ihn manchmal sogar um die ganze Welt reisen. 

Felice sprach zwar nicht, doch er besaß Fantasie. Zu viel, beklagte Miranda ab und zu mit einem Seufzen. Dass Felice nicht sprach, hatte nichts damit zu tun, dass er es nicht konnte. Er tat es einfach nicht. Dennoch wusste man instinktiv, was in ihm vorging, denn sein Gesicht war wie ein offenes Buch. Freude, Trauer, Wut oder Erstaunen spiegelten sich darin, als hätte er in jeder Einzelheit über sein Empfinden berichtet.

An diesem Mittwoch nun geschah dieses Außergewöhnliche. Es begann damit, dass Felice plötzlich stehen blieb. Das war an sich nichts Besonderes. Eigenartig daran war, dass jeder in seinem näheren Umfeld genau das registrierte. All die Menschen um Felice herum begriffen, dass sie gerade Zeuge einer verblüffenden Begebenheit werden würden. Es war, als verschwänden mit einem Mal die vertrauten Geräusche des Marktes, so, als konzentriere sich alles auf ihn, den Jungen, der einfach nur stehen geblieben war. Er atmete tief ein, sah zu Enzo, dem Bürstenmacher aus Grosseto, und bat ihn mit einem einfachen Lächeln zu ihm zu kommen.

Leseprobe 2

Kurzmitteilung


Von Heldenhelfern und Häuptlingen

von Ashan Delon

Für den sechsjährigen Luis ist sein Papa Wotan der größte Superheld auf Erden, da dieser als Feuerwehrmann Leben rettet. Dem alleinerziehenden Wotan gelingt es dennoch, Beruf, Ehrenamt und Vatersein unter einen Hut zu bringen. Seine Schwester unterstützt ihn so gut es geht, springt bei jedem Einsatz als Babysitter ein. Als sie mit Grippe im Bett liegt, bucht sie kurzerhand Ersatz. So steht Wotan nach einem Einsatz vor einem fremden Mann. Häuptling Mojag …

Leseprobe:

Die Feuerwehrsirene heulte laut kreischend durch die Nacht. Wotan war sofort hellwach und katapultierte sich wie eine Springfeder aus dem Bett. Schon beim ersten heiseren Keuchen der Sirene, die in Form eines überdimensionierten steingrauen Pilzes nur zwei Straßen weiter auf dem Dach der Mittelschule thronte, wusste er bereits, dass seine Nacht zu Ende war. So schnell er konnte, schlüpfte er in die bereitgelegten Klamotten, und noch bevor die Sirene das dritte Mal zu einem durchdringenden Geheul ansetzen konnte, war er vollständig angezogen.

Die Schlafzimmertür ging auf und ein ziemlich verschlafener Sechsjähriger tapste herein. Wotan unterdrückte ein Aufseufzen. Die Sirene weckte mit ihrem Gekreische so ziemlich jeden im Umkreis von drei bis vier Kilometern. Aber nicht nur deswegen war der Kleine auf den Beinen. Er ließ es sich nicht nehmen, seinen Papa regelmäßig dabei zu beobachten, wie er zu seiner Pflichterfüllung eilte. Seit vier Jahren war Wotan nun schon bei der freiwilligen Feuerwehr und rettete verunglückte Autofahrer, pumpte Keller aus oder löschte Brände. Sein Sohn Luis platzte fast vor Stolz, wenn er von seinem Papa erzählte. Und jedes Mal, wenn die Sirene losging, glühten die Bäckchen vor Hochachtung. Es war kaum verwunderlich, dass der Kleine bereits seinen Berufswunsch auserkoren hatte.

»Geh ins Bett!«, rief Wotan ihm zu.

»Rettest du jetzt wieder einen Menschen?«, wollte der Junge wissen, tapste barfuß an Wotan vorbei und setzte sich einfach auf dessen Bett, um ihn mit großen Augen zu beobachten.

Wotan zerrte den Gürtel um seinen Bauch fest und suchte nach Schlüssel und Handy.

»Ich erzähle dir nachher, was geschehen ist. Geh ins Bett!«

»Darf ich hier schlafen?«

»Ja klar.« Wotan lächelte. Er wusste genau, dass sein Sohn nicht im Bett seines Vaters schlafen wollte, weil er Angst verspürte, allein zu sein. Sondern um den Augenblick nicht zu verpassen, wann dieser nach Hause kam, um ihn sofort über die Geschehnisse auszuquetschen. »Ich rufe auf dem Weg Tante Julia an«, informierte er ihn kurz, während er im Augenwinkel mitbekam, wie Luis unter die noch warme Decke schlüpfte.

Luis stöhnte theatralisch. »Ich bin schon groß. Ich kann auch mal ein paar Stunden allein bleiben.«

»Ich weiß«, erwiderte Wotan lächelnd, ging zum Bett, deckte den Jungen liebevoll zu und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. »Aber du weißt, dass es mir lieber ist, wenn du nicht allein bist. Ich weiß nie, wie lange es dauert.«

»Okay«, gab der Kleine schließlich resigniert nach, schlang die Ärmchen kurz um den Hals seines Vaters und drückte ihm einen Schmatzer auf die Wange. »Pass auf dich auf«, riet er besorgt.

»Mach ich doch immer.« Wotan gab ihm noch einen Kuss auf die Stirn, streichelte mit der Fingerkuppe über die Nasenspitze und kicherte, als Luis mit einer süßen Protestmiene die Nase rümpfte. Er liebte den Jungen so abgöttisch, dass er sich jedes Mal nur schwerlich von ihm trennen konnte. Aber wenn die Sirene rief, musste er ausrücken. Das Leid anderer Leute hatte in diesem Moment Vorrang.

Mit einem letzten Seufzen richtete er sich auf und eilte aus dem Haus. Zum Glück erlaubte es sein Brötchenjob als selbstständiger Innenarchitekt, dass er die Arbeitszeiten sehr flexibel planen und sich nach einem nächtlichen Einsatz schlafen legen konnte, anstatt zur Stechuhr eilen zu müssen. Anderenfalls wäre das mit der ehrenamtlichen Tätigkeit bei der freiwilligen Feuerwehr nicht möglich gewesen.

Hastig stöpselte er das Handy in die Freisprechanlage des Autos und wählte die Nummer seiner Schwester, während er aus der Einfahrt herauslenkte.

»Hab’s schon gehört«, kam es ihm sogleich entgegen. Doch Julias Stimme klang alles andere als munter.

»Luis liegt in meinem Bett. Kannst du nachher mal rübergehen und nach ihm sehen?«

Ein Hustenanfall drang aus den Lautsprechern, die an der Sonnenblende angebracht waren.

»Oh weh!«, stieß Wotan mit bangem Gefühl aus. »Hat es dich jetzt doch erwischt?«

»Voll«, stöhnte Julia unter Husten und schmerzvollem Stöhnen. »Ich kann mich kaum auf den Beinen halten.«

»Ich dachte, nur die Männergrippe sei tödlich.«

»Ha ha!«, kam es zurück. »Ich schicke nachher Andi rüber.«

Wotan knurrte. Andi war Julias derzeitiger Freund und ein Kotzbrocken sondergleichen. Er fragte sich stets aufs Neue, was seine Schwester an diesem homophoben Macho fand. Er wollte den Kerl nicht in seinem Haus haben und hatte ihm auch schon beim ersten heftigen Aufeinandertreffen jeglichen weiteren Zutritt verboten. »Luis kann Andreas nicht ausstehen. Und ich auch nicht. Gibt es keine andere Möglichkeit?« Wotan überlegte kurz, an der roten Ampel stehen zu bleiben. Aber da er im Einsatz war und es um jede Sekunde ging, überfuhr er die Kreuzung einfach. Es war drei Uhr morgens und die Straße menschenleer. Rasch schob er das schlechte Gewissen beiseite. Die Straßenverkehrsordnung lag ihm am Herzen, aber wenn es um Menschenleben ging, hebelte er sie kurzerhand aus.

»Ich rufe den Babysitterdienst an«, kam es schließlich. »Tu du deine Pflicht. Ich kümmere mich schon um die meine.«

»Julia!«, rief Wotan entnervt.

»Ich bin seine Patentante und erachte es daher als meine Pflicht, für sein Wohl mit zu sorgen.« Erneut bellte ihm ein Hustenanfall entgegen. »Ich mach das schon.«